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Vipassana Meditation – Erfahrungsbericht Schweigekloster

Wir reden wieder! Und um eines kurz vorwegzunehmen: Das Schweigen haben wir nicht zu 100% durchgehalten. Aber am besten von vorne. Wir waren zehn Tage im Kloster Wat Ram Poeng in Chiang Mai um meditieren zu lernen und zwar nach der Methode der Vipassana Meditation. Ob Mann oder Frau, Buddhist, Christ oder Atheist – willkommen ist jeder, der sich mindestens zehn Tage auf die Meditation einlässt.

Unsere Erwartungen

In erster Linie ist es unser Ziel all die vielen Gedanken, die in unseren Köpfen herumschwirren zu sortieren. Unsere Gedanken können und wollen wir zwar nicht abschalten oder ignorieren, aber vielleicht können wir sie besser ordnen. Wir möchten uns in stressigen Zeiten gezielter auf eine Sache konzentrieren können. Mit Hilfe von Meditation hoffen wir, dass uns dies in der Zukunft besser gelingt und wir uns besser auf uns selbst fokussieren und Dinge um uns herum ausblenden können.

Vielleicht kennt dies jeder von Euch: Das Unterscheiden zwischen wichtigen und weniger wichtigen Dingen fällt manchmal schwer. Komischerweise konzentrieren wir uns genau dann auf die weniger wichtigen Dinge und fragen uns danach: „Wo ist denn die Zeit geblieben?“ Die Meditation könnte ein Schlüssel sein hier die Balance wiederzufinden!

Der Power-Nap-Effekt: Eine kurze, effektive Meditation gibt hoffentlich Kraft und bereinigt den Geist?

Vipassana Meditation

Vipassana Meditation kann auch insight Meditation genannt werden. Diese Methode entwickelt das Selbstverständnis durch bewusstes Training.

Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet so viel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Vipassana ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung. Der Fokus liegt auf der Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist. Das Erlernen der Technik ist komplex und bedarf einem gewissen Level Selbstbeherrschung.

Charakteristisch sind drei Merkmale: anicca, dukkha und anatta. Die Unbeständigkeit (anicca), das Nicht-Genügen (dukkha) und das Nicht-Selbst (anatta).

Es wäre unrealistisch, zu erwarten, dass sich bereits nach zehn Tagen alle Probleme lösen ließen. Man kann innerhalb dieser Zeitspanne jedoch die wesentlichen Grundlagen von Vipassana erlernen und ist so in der Lage, diese Technik auch im Alltag anzuwenden. Letzteres erhoffen wir uns jedenfalls.

Die Lehre der Vipassana Meditation basiert im Wat Ram Poeng auf den vier Säulen der Achtsamkeit:

  1. Achtsamkeit des Körpers (Kayanupassana)
  2. Achtsamkeit des Geistes (Cittanupassana)
  3. Achtsamkeit der Gefühle (Vedananupassana)
  4. Achtsamkeit der natürlichen Wahrheiten des Geistes, z.B. Hemmungen, Zweifel, etc.(Dhammanupassana)

Das Kloster Wat Ram Poeng (Tapotaram) liegt am westlichen Stadtrand von Chiang Mai umgeben von Bäumen und verfügt über das Northern Insight Meditation Center. Der Kurs beginnt an einem Sonntag, vorher mussten wir aber zu einem Erstgespräch erscheinen. Mit leicht mulmigen Gefühl radeln wir zum Kloster. Wir melden uns beim Foreign Meditation Office. Im Büro empfängt uns eine Nonne mit abrasierten Haaren und Ilka & Helge hatten gleich großen Respekt, da sie sehr streng wirkt. Aber das muss wohl so sein und eine gewisse Herzlichkeit kann man ihr definitiv nicht abstreiten. Wir erledigen den Papierkram in dem wir Kopien vom Reisepass als auch Passbilder übergeben. Des Weiteren müssen wir schriftlich bestätigen, dass wir die Vorschriften akzeptieren.  Hierzu weiter unten mehr!

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Die Regeln (ein Auszug)

  1. Für die Zeitdauer des Kurses nicht zu töten, nicht zu stehlen, sich jeglicher sexueller Aktivitäten oder Gedanken fernzuhalten und auf die Einnahme von Drogen oder Alkohol als auch auf Luxus (wie hohe und super bequeme Betten) zu verzichten und eben nicht zu sprechen! Das Einhalten dieser ethisch-moralischen Grundlagen hilft, den Geist zu beruhigen. (Allerdings lernen wir dies erst später)
  2. Während des Aufenthalts ist die Nutzung von Mobiltelefonen, Internet, Radio, Musik im Allgemeinen, wie auch Fotoapparaten untersagt. Sämtliche Geräte werden bei Ankunft abgegeben und eingeschlossen. Das Schreiben von Briefen und Tagebüchern, als auch das Lesen von Büchern sind verboten.
  3. Während des Aufenthalts im Kloster ist saubere, weiße Kleidung zu tragen. Diese kann man sich ausleihen.
  4. Die Zimmer sind sauber zu halten und zu reinigen.
  5. Die Schüler (also wir) haben jeden Tag zum Report beim Lehrer (Ajan) zu erscheinen und dort über das Erlebte beim Meditieren zu sprechen. Hier werden auch neue Aufgaben erteilt.
  6. Es ist nicht gestattet, die Lehre des Vipassana mit anderen Meditationsübungen zu vermischen.
  7. Zum Essen oder Trinken ist es üblich sich in Thailand zu setzen.
  8. Aufstehen ist um 4 Uhr morgens und zu Bett geht man um 22 Uhr.
  9. Es gibt zwei Mahlzeiten am Tag: Frühstück beginnt um 6:30. Die zweite und letzte Mahlzeit (Mittag) gibt es um 10:30 Uhr.
  10. Die Meditationstechniken fokussieren sich auf die sitzende und gehende Methode. Diese werden in dem Basiskurs den wir für 10 Tage besucht haben schrittweise erweitert. Eigentlich besteht der Basiskurs im Wat Ram Poeng aus 26 Tagen.

Der Tagesablauf

Allgemeines Aufstehen ist um 4 Uhr angesetzt. Eine Glocke läutet auf dem Klostergelände damit jeder es mitbekommt. Ab jetzt kann meditiert werden. Im eigenen Zimmer oder an verschiedenen Orten im Kloster.

Gegen 6 Uhr 15 erschallt erneutes die Glocke und kündigt das Frühstück um 6 Uhr 30 an. Frühstück bedeutet Thai-Food. Das ist gleichbedeutend mit Reissuppe, Nudeln & Co. Vor dem Essen wird allerdings noch gesungen und das Essen gepriesen. Da kann es dann mal eine halbe Stunde dauern, bis man die vor sich stehende Mahlzeit tatsächlich essen darf. Nach dem Frühstück wird gefegt und eventuell Wäsche gewaschen und dann wieder meditiert.

Um 10 Uhr 30 ertönt wieder die Glocke. Jetzt ist Zeit für das Mittagessen. Pünktliches Erscheinen ist wichtig, da man ansonsten kein Essen mehr erhält. Nach dieser zweiten und letzten Mahlzeit wird evtl. wieder gefegt und das Zimmer in Ordnung gehalten und natürlich wieder meditiert.

Ab 14 Uhr findet das Reporting bei unserem Lehrer-Mönch statt. Das kann je nach seinem Tagesablauf auch mal erst um 16 oder um 18 Uhr der Fall sein. Danach: weiter meditieren. Ab 22 Uhr schlafen gehen.

Orte zum Meditieren

Grundsätzlich kann man überall im Kloster meditieren. Draußen vor dem Haupttempel, rund um die Chedi, im eigenen Zimmer oder unter einem Baum. Ilka bevorzugt die Bibliothek und den Übungsraum unter der Bibliothek. Dem einzigen Raum der auch über eine Klimaanlage verfügt. Wir haben uns angewöhnt am Nachmittag für drei/vier Stunden hier zusammen zu meditieren. Helge gefällt es frühmorgens im Mönch-Bereich dem sog. Sung Kaew Monkol und nach dem Mittagessen auf dem Dach der Bibliothek. Im übrigen haben Frauen hier und auch zum ersten Stockwerk der Bibliothek keinen Zutritt. Allgemein liebte ich die Ruhe hier, denn im Vergleich zum Übungsraum ist hier keiner!

Die Ruhe auf dem Gelände ist wirklich beeindruckend und hilft enorm die innere Ruhe zu finden. Lediglich der nahgelegene Flughafen entzaubert diese Oase ab und an und erinnert an das pulsierende Leben außerhalb der Mauern.

Wie wird meditiert?

Im Gehen
Bei dieser Methode geht man in Zeitlupe und nimmt jede Bewegung bewusst wahr. Man sagt im Kopf zum Beispiel bei jedem Schritt „rechter Fuß vor, linker Fuß vor“. Wie bei jeder Methode so gibt es hier Entwicklungen die angewendet und geübt werden: Angefangen mit dem einfachen Heben, nach vorne und Senken des jeweiligen Fußes bis zum sanften anheben der Ferse, nach vorne bewegen und wieder absetzen. Also ein natürlicher Bewegungsablauf in vier Teilschritten. Unser Entwicklung in zehn Tagen war von einem Teilschritt bis zu vier Teilschritten.

Im Sitzen
Bei der Sitzmeditation konzentriert man sich am Anfang auf das Heben und Senken der Bauchdecke durch den Atem. Wenn beim Meditieren Gedanken aufkommen, was nun wirklich nicht zu vermeiden ist, dachte man „denken, denken, denken“ oder „fokus, fokus, fokus“. Man nimmt bei der Vipassana Meditation also alles wahr, was man mit dem Körper macht oder was sich im Kopf abspielt.

Fortschritt & Entwicklung
Wenn der Schüler die Grundschritte erfolgreich verinnerlicht hat, gibt der Lehrer jeden Nachmittag eine neue Entwicklungsstufe vor. Bei der sitzenden Meditation war die letzte Entwicklung für uns: „Heben, Senken, Sitzen, Zwicken im rechten Oberschenkel“ Hierzu eine Anmerkung: Das Zwicken im Oberschenkel ist so gemeint, als das die Gedanken sich auf eine Stelle im Oberschenkel fokussieren. Ajan und andere Erfahrene haben uns gesagt, dass es sich dann anfühlt, als ob es an dieser Stelle zwickt. Klingt verrückt und noch verrückter ist, dass es stimmt.

Die Zimmer – Frauen und Männer wohnen getrennt

Ilka:
Mein Zimmer ist klein und sehr dunkel obwohl ich zwei Fenster habe. Das Fenster nach hinten ist allerdings direkt vor einer Mauer und fast vollkommen von irgendwelchem Grünzeug zugewuchert. Das Fenster nach vorn hat eine Gardine, die ich gerne so hängen lasse, weil ich im Erdgeschoss wohne und sonst jeder beim Vorbeigehen reinschauen kann. Das Zimmer ist sehr einfach eingerichtet: Bett, Regal und Nachttisch.

Das Bett ist echt hart. Eine Matratze ist zwar vorhanden aber nur eine Schaumstoffplatte. Das Kissen ist auch platt wie eine Flunder. Schlafen soll hier nämlich kein Luxus sein, sondern nur dem Ausruhen des Körpers dienen. Mein Rücken findet das nicht so toll…

Mein Zimmer liegt fast direkt an der Straße, aber nachts ist zum Glück wenig Verkehr. In der Nähe ist offensichtlich eine Bar in der es zweimal die Woche Livemusik gibt. Von „Leaving on a jet plane“ bis zu „My heart will go on“… Juhu, das ist meine einzige Form von Entertainment hier!

Im Bad wohnt mein einziger Mitbewohner – ein kleiner Gecko. Meine Nachbarinnen sind auf der rechten Seite die Gärtner-Nonne (ich sehe sie zumindest täglich die Blumen und Bäume wässern) und links neben mir wohnt eine weiterer Vipassana-Neuling.
Helge:
Mein Zimmer ist recht geräumig, befindet sich in einem separaten Bungalow und bietet vier Schlafplätze. Zuerst sollte ich das Zimmer auch mit einem Franzosen aus unserem Kurs teilen. Dies wurde aber noch (zum Glück) geändert, so dass ich mich nun voll und ganz auf das Meditieren fokussieren kann. Der Schlafraum verfügt über eine sehr dünne Matratze die auf dem gefliestem Boden liegt, einem leicht zusammengebrochenes Regal und ein sehr einfaches Badezimmer. Alles fein beleuchtet mit charmanten Leuchtstoffröhren. Kloster-Romantik stellt man sich anders vor. Die Fenster zeigen zu einer Mauer, dort hinter die Straße nach Chiang Mai. Dort wo das Leben tobt.

Wie ich später am ersten Tag erfahre, befinde ich mich in einem Bereich des Klosters in dem auch die Mönche in ihren kleinen Bungalows leben. Das gibt mir die Gelegenheit ein wenig in den Tagesablauf und Leben eines Mönches im Kloster zu schauen. Unvergesslich war die Einladung zum Frühstück bei „Chang“. Ja wie das Bier. Stolz zeigt er auf ein T-Shirt mit den zwei Elefanten.

Die Einladung kam überraschend nachdem ich mit dem Fegen fertig war und mir einen Kaffee aufgesetzt hatte. Chang spricht nur kleinste Brocken an Englisch und es gab Tee und ein wenig sticky Reis in seinem Bungalow. Erstaunlich ist, dass kaum Habseligkeiten in diesem kleinen Raum zu sehen waren. Eigentlich nur besagtes T-Shirt aus seinem vergangenen Leben. Dem Anschein nach hat Chang ziemlich abgenommen. Seit 10 Jahren lebt Chang als Mönch. Ich schätze sein Alter mal auf 50 Jahre.

Insgesamt waren die Herzlichkeit, das Teilen von Dingen die man entweder übrig hat oder als Zeichen des Danks unheimlich beeindruckend. So kam ich meistens mit Mehr vom Fegen wieder als ich gegangen bin. Sei es Kekse die ich vor Mittag verzehren muss oder Fläschchen Jakult. Das hat mich wirklich traurig und Nachdenklich gemacht. Der vermeintlich reiche Westler der in Thailand eine Auszeit im Kloster unternimmt.
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Das frühe Aufstehen

Ilka:
Ich kann es selbst kaum glauben, aber das frühe Aufstehen ist tatsächlich (fast) kein Problem für mich. Sobald die 4-Uhr-Glocke verstummt, fangen sämtliche Hunde in der Umgebung an zu bellen. Ein großes Geheul! Das ist dann der Moment, wo ich überlege liegen zu bleiben und einfach meinen Timer zu stellen, damit draußen alle denken, dass ich brav in meinem Zimmer meditiere. Und dann kommt das schlechte Gewissen, ich stehe auf und gehe in die Bücherei für die erste Meditation des Tages.

Am dritten Morgen wache ich auf und bin erstaunt, dass ich sogar VOR der Glocke wach bin. Ein Blick zur Uhr sagt mir allerdings, dass ich verschlafen habe und es bereits kurz vor 5 Uhr ist. Super! Interessanterweise wache ich an allen folgenden Tagen wirklich ein paar Minuten vor der Wecker-Glocke auf!
Helge:
Es ist nicht so als das die Tage im Kloster körperlich anstrengend sind. Aber die geistige Belastung ist verflucht hoch, so dass ich jeden Abend extrem schnell eingeschlafen bin. Wenn um 4 Uhr der Wecker ertönt lag ich meistens mit offenen Augen auf der Erde und konnte durchaus gut in den Tag starten. Sprich: Timer einstellen und die erste Runde im Zimmer meditieren. Danach bin ich zu den anderen Mönchen gegangen und habe mich zu ihnen gesellt.

Nur zwei Mahlzeiten am Tag

Ilka:
Die wenigen Mahlzeiten haben mir vorab die meisten Sorgen bereitet. Das ging sogar so weit, dass ich uns Joghurt gekauft habe, den wir im Kühlschrank im Büro für die ausländischen Meditations-Studenten deponieren. Doch das Essen ist von der Menge her vollkommen ausreichend und ich verspüre abends gar keinen Hunger.

Meistens ist das Essen in Ordnung, allerdings bin ich irgendwann auf vegetarisch umgestiegen. Fleisch wird häufig mit Knochen drin zubereitet und das ist manchmal echt nervig, wenn man nur Gabel und Löffel zur Verfügung hat. Und manchmal sieht das vegetarische Gericht einfach appetitlicher aus.

Zur Not könnte ich mir allerdings im kleinen Tante-Emma-Laden im Kloster noch was kaufen. Die Snacks dort sehen ziemlich interessant und lecker aus.

Nachmittags gibt’s für alle warmen Kakao oder Sojamilch. Beides füllt den Magen ganz gut. Oder Helge und ich treffen uns am Nachmittag auf ein Naturjoghurt-Eis. Naturjoghurt ist nämlich erlaubt!
Helge:
Auf das Frühstück habe ich verzichtet. Das liegt nun nicht unbedingt an dem Thai-Frühstück, also Reissuppe oder warme Nuddeln, sondern auch daran, dass mir ein guter Kaffee genügt. Nun gut. Der Kaffee war alles andere als gut und ich kann mich auch nicht daran erinnern in Thailand überhaupt guten Kaffee genossen zu haben. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich die ersten drei Stunden des Tages ununterbrochen mit Meditieren verbringen konnte und vor allem die Ruhe genießen konnte. Es kam also schon vor, dass ich einsam auf dem Dach den Sonnenaufgang meditierend entgegen sah.

Das Essen am Mittag war eigentlich immer recht umfangreich und üppig. Wenn man nett lächelte habe ich auch immer eine Kelle zusätzlich erhalten. Unglaublich, aber während der Klosterzeit bin ich zum 10-Tages Vegetarier geworden. Die Knochen und das Fleisch an sich war nicht so ganz meins und Tofu mit Gemüse schmeckt sehr lecker! Chillies vorausgesetzt.

Am Nachmittag nichts zu essen fiel mir überhaupt nicht schwer, denn es gab um 17 Uhr jeden Tag ein dickflüssiges Getränk, wie zum Beispiel, Maissaft oder Kürbissaft. Auch Sojamilch oder Natur-Joghurt half gut gegen den Hunger und man kann sich im Tempelshop welchen kaufen. Das Kloster durfte man jedoch nicht verlassen, außer natürlich man bricht den Kurs ab. Am Abend kam es dann schon häufiger vor, dass der Magen beim Einschlummern nach etwas essbaren verlangte. Ich versuchte ich dann eisern an die vier Säulen der Achtsamkeit zu halten. Und das ist auch gelungen!

Das Schweigen

Ilka:
An das Nicht-Sprechen kann man sich echt gewöhnen. Am ersten Tag war es aber noch sehr absurd. Da schauen sich alle Neulinge neugierig an und niemand sagt einen Ton. Normalerweise würde ich mich auch mit fremden Menschen unterhalten. Hier wohl nicht…

Am Schwierigsten war es jedoch, nicht mit Helge reden zu dürfen. Eigentlich sind wir sonst 24 Stunden am Tag zusammen. Dass wir uns nicht ständig sehen würden war klar. Aber die wenigen gemeinsamen Momente, nicht einmal miteinander sprechen? Das ist hart. Und wir haben diese Regel auch ein paar Male gebrochen. Das musste einfach sein! Schließlich will ich sicher sein, dass es ihm gut geht!
Helge:
An sich kein Problem. Wäre da nicht diese eine Mädchen, was mir irgendwie bekannt vorkommt. Sie hat ähnliche Klamotten an wie ich und sie wirkt vertraut. Wirkt aber unglücklich, traurig und die Gedanken schweifen irgendwie ab wenn ich sie sehe. Scheinbar geht es ihr ähnlich wie mir. Ich sprech sie mal an und frag sie wie es ihr geht. Nein! Nein! Verboten und tatsächlich achten die Lehrer im Kloster streng auf diese eiserne Regel!

Warum wir mit den anderen nicht reden dürfen, wurde mir auch bald klar. Jeder macht in diesem Kurs seine eigenen Erfahrungen und diese können sehr unterschiedlich sein. Man soll seine Erfahrungen nicht austauschen und sich nicht vergleichen, sonst fühlt man sich, wie wenn man etwas falsch macht.

Allerdings und das ist die Krux habe ich mir Sorgen um Ilka gemacht und wollte wissen wie es ihr geht. Was macht sie durch? Wir haben uns dann ab und zu auf einen Kaffee und Tee getroffen. Diese Treffen sind dann nicht zum Klatsch & Tratsch verkommen, vielmehr haben wir uns angesehen und wenige (aber richtige und wichtige) Sätze miteinander gesprochen. Das tat richtig gut!

Am Nachmittag beim Reporting mit Ajan merkte ich dann auch bald, dass mir manchmal die richtigen Worte fehlten. Der Mönch wusste aber mit seiner weisen Art behilflich zu sein. Auch wenn sich die Antworten sehr banal anhörten, trafen sie voll ins Schwarze.

Das Meditieren

Ilka:
Während der ersten Tage hasse ich die sitzende Meditation! Ständig schlafen mir dabei die Füße ein. Ich spüre sie nicht mehr, dann fangen sie an zu schmerzen, der Schmerz zieht hoch bis in die Knie. Ich versuche in der Meditation zu bleiben und denke „Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen“ und „akzeptieren, akzeptieren, akzeptieren“, aber das hilft nicht. Manchmal hätte ich am liebsten laut geschrien vor Schmerz in der Hoffnung, dass er dann verschwindet. Der Report beim Ajan über die Schmerzen hat mir als Antwort von ihm leider auch nicht viel gebracht. Doch dann hat sich was geändert. Warum auch immer, habe ich ab dem besagten Abend viel weniger Schmerzen in den Füßen und Knien. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Thema überhaupt „angesprochen“ habe? Oder auch an der Salbe, die ich seit zwei Tagen auf meine Knie- und Fußgelenke reibe…

Gedanken sind wirklich fies. Sie schleichen sich ständig ein. Wenn ich während der Meditation denke, dass das Meditieren gerade super läuft, stelle ich fest, dass ich gedanklich schon wieder sonstwo bin. Super! Bei mir hat es bis zum fünften Tag gedauert, dass ich endlich das Gefühl hatte, dass es halbwegs klappt. Dass es sich richtig anfühlt. Ab dem Tag hab ich mich wacher im Kopf gefühlt.
Helge:
An den ersten Tagen fiel mir das meditieren sehr schwer, da mir in den Sessions immer wieder die Gedanken abschweiften. Sei es Zukunft, Vergangenheit, oder der Druck der Gesellschaft. Meditieren kann sehr emotional sein, so viel steht fest. Ajan erklärte mir, dass die Affen im Kopf ruhiggestellt werden in dem man weiter übt und sich auf das wesentliche Konzentriert. Das Meditieren! In meinem Kopf herrschte ein wahrer Dschungel an Affen die immer lauter wurden. Hier bin ich – Der Arbeitsaffe. Und hier ich – der Zukunftsaffe. Ich könnte jetzt alle Arten aufzählen, doch dies würde zu persönlich werden – jedenfalls waren sie alle da. Sind es immer noch, aber anders sortiert.

Des Weiteren wurde mir bewusst, dass ich einsam war und keine Ablenkung hatte, außer zu fegen. Dann riss ich mich aber zusammen und meditierte mir die Seele aus dem Leib. Es war wirklich sehr hart. Ich hatte vorher bereits viel über Vipassana Kurse gelesen, aber es war trotzdem ganz anders und ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass es wirklich so hart sein konnte. Ich dachte ein bisschen Digital Detox und Selbstfindung wird mir ganz gut tun. Aber es kam ganz anders. Die ersten drei Tage hatte ich mir schon vorgestellt das Kloster zu verlassen. Warum auch immer (und zum Glück) habe ich dies nicht getan, sondern die Freude am Meditieren gefunden. Ich erkannte Fortschritte und diese ganzen Regeln ergaben einen Sinn!

Buddha Tag

Ein Highlight im Kloster war der Buddha Tag. Dieser Tag ist vergleichbar mit dem sonntäglichen Kirchgang im Christentum. Allerdings fällt der Buddha Tag nicht auf den gleichen Wochentag, sondern richtet sich nach dem Stand des Mondes und findet deshalb ca. alle sieben oder acht Tage statt.

Am Buddha Tag wird im Wat Ram Poeng den ganzen Tag und die Nacht durch bis zum nächsten Morgen gesungen. 24 Stunden lang hören wir den Gesang der Mönche und fühlen uns herrlich eingelullt in der Welt des Klosters und der Meditation. Plötzlich stimmt einfach alles. Es fühlt sich rund an.

Als ausländische Studenten dürfen wir am Abend auch an der großen Zeremonie teilnehmen. Dabei wird gebetet, gesungen und drei Mal um die große Chedi herumgegangen. Während der Prozession erschallt Musik und Gesang. Wir verstehen zwar kein Wort, aber werden von einer ganz besonderen Stimmung erfasst, während wir unsere Schalen mit Blumen, Kerze und Räucherstäbchen tragen.

Später meditieren wir noch an der Chedi und genießen die besondere Atmosphäre dieser Nacht.

Das Wat Ram Poeng verfügt über einen Facebook Account und hat unter anderem ein Video vom Buddha Tag online gestellt, dieses findet ihr hier:

เวียนเทียน วันพระขึ้น 15 ค่ำ เดือน 12 ปีจอ ตรงกับวันพฤหัสบดี ที่ 22 พฤศจิกายน พ.ศ. 2561

Gepostet von วัดร่ำเปิง (ตโปทาราม) Wat Ram Poeng (Tapotaram) am Donnerstag, 22. November 2018
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Würden wir es nochmal machen?

wat_ram_poeng_meditation_vipassana Ja, aber nicht sofort.

Grundsätzlich ist es unser Ziel das Meditieren als erstes in den Alltag zu integrieren. Das alleine wird schon schwierig genug. Es wäre schön wenn es eine Art Routine wird und keine Bürde. Wenn wir dies geschafft haben, entwickeln wir unsere Fähigkeiten weiter und das Meditieren an sich wird uns hoffentlich leichter fallen. Das wäre dann der richtige Zeitpunkt um über einen weiteren Aufenthalt im Kloster nachzudenken. Tatsächlich dann auch über einen längeren Zeitraum…

Tatsächlich gibt Meditation Kraft für die Seele und hilft ungemein beim sortieren der Affen in Form von Gedanken. Sie werden dadurch nicht weniger oder sogar leiser. Vielmehr werden sie neu angeordnet, gezähmt und lassen mehr Freiraum für neue Erkenntnisse.

Praktische Tipps

Wir waren blutige Anfänger was das Meditieren und auch ein Schweigekloster angeht. Mit diesen Hinweisen ist es in vielleicht ein wenig einfacher bzw. ihr seid dann besser vorbereitet als wir:

  • Bringt euch eventuell eine Salbe für die Gelenke mit. Unsere Knie und Knöchel haben extrem geschmerzt vom ständigen Sitzen in ein und derselben Position. Teilweise haben wir es kaum ausgehalten. Danke, liebe Dagmar, für die Salbe!
  • Stärkt eure Rückenmuskulatur! Wir sind im Alltag bequeme Stühle mit Lehne gewöhnt. Das sitzende Meditieren geht extrem auf den Rücken und wir hatten nach dem zweiten Tag Rückenschmerzen.
  • Als Paar ins Schweigekloster gehen ist wohl anstrengender. Denn Blicke des anderen kann man mal falsch verstehen oder man schnallt überhaupt nicht was der andere einem ohne Worte versucht zu sagen…
  • Habt ihr schon mal nach Vipassana meditiert? Was sind eure Erfahrungen? Wart ihr eventuell auch mal in einem Schweigekloster? Wenn ja, wie ist es euch dort ergangen?

    3 Kommentare zu „Vipassana Meditation – Erfahrungsbericht Schweigekloster“

    1. Dagmar Fässler-Zumstein

      Ihr Lieben
      Wunderbar zu lesen, wir ihr “unsere” Zeit im Kloster erlebt habt. Eine Top-Zusammenfassung:-) Weiterhin alles Liebe und Gute auf eurer Reise.
      Und wir sehen und sprechen! uns -irgendwann!
      Big hug
      Dagmar

      1. Liebe Dagmar,
        dankeschön! „Unsere“ gemeinsame Zeit dort war ja in vieler Hinsicht etwas Besonderes. Dann haben wir mit der Zusammenfassung deine Erfahrungen wohl auch ganz gut getroffen? Wir freuen uns schon, wenn wir darüber – und über vieles andere – irgendwann mal von Angesicht zu Angesicht gemeinsam sprechen können.
        Viele Grüße und bis irgendwann!

    2. Pingback: Fazit Thailand | wir woanders

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